„Monster gibt es doch gar nicht. Das bildest Du Dir nur ein!“, ist eine der häufigsten Antworten, die Kinder wie Eric von ihren Eltern hören, wenn sie abends im Bett liegend wieder und wieder nach Mama oder Papa rufen, weil sie sich vor imaginären Wesen wie Ungeheuern, Hexen, Geistern und Konsorten fürchtet.
Erics Eltern meinen es gut und möchten ihm mit dieser rationalen Erklärung helfen. Im Moment seiner Angst sind diese Monster für Eric so real wie das Bett in dem er liegt, daher sind solche Beschwichtigungen der Eltern vergebene Liebesmühe und helfen ihm gar nicht. Kaum haben sie das Kinderzimmer verlassen, sieht er unter dem Bett, im Schrank oder hinter dem Vorhang den nächsten Geist und beginnt, sich neuerlich zu fürchten.
Aber welche Intention der Eltern steckt hinter der Absicht, die Monster als Erics Einbildung abzutun? Sie möchten ihrem Kind die Angst nehmen und das tun sie natürlich auf die Art und Weise, wie das Erwachsene tun – durch reale Argumente, mit denen sie sich selbst beruhigen würden. Das ist auch logisch, wenn man sich ansieht, wie Erwachsene die Angstszenen in einem Psychothriller verarbeiten, wenn er wirklich realistisch gemacht ist. Sie starren gebannt auf den Fernsehapparat während sie sich selbst gedanklich vorsagen, dass das doch nur ein Film ist.
Im kindlichen Kopf spielt sich in einer Angstsituation aber ganz etwas anders ab. Ab dem Ende des Trotzalters etwa, wird Eric in seiner Fantasie von einer Art Zauber begleitet, der ihm hilft, das Leben zu verstehen und sich in ihm zu recht zu finden. Diese kindliche Magie basiert auf einer Denkweise, die sehr symbolisch, oftmals in Bildern ist, Bilder, die geistig präsent sind und damit so real wie eine Erinnerung. In genau dieser Entwicklungsphase fragen Kinder sehr viel nach, weil sie ihre Welt verstehen möchten, eine Welt die sich aus malerischen, fantasievollen Bildern zusammensetzt, zwischen denen manchmal ein Bindeglied fehlt. Um das Bild zu vervollständigen, brauchen sie echte und wahre Antworten auf ihre ganz konkreten Fragen. Manche Themen sind Erwachsenen peinlich, unangenehm oder rühren vielleicht an einer schmerzlichen Erinnerung, daher antworten sie nur knapp oder ausweichend. Auch diese Unvollständigkeit und Ungewissheit kann in der kindlichen Seele Angst erzeugen.
Eine durchaus übliche Floskel, um ein Kind, das sich fürchtet, zu beruhigen ist: „Du musst doch keine Angst haben!“ Man kann diesen Satz wohl kaum treffender beschreiben als der deutsch Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge: „Das ist eine Mißachtung kindlicher Ängste!“ Das Kind hat keine Wahl, sich zu fürchten oder auch nicht. Es empfindet Beklemmungen oder sogar Panik tief in sich und sucht die Nähe eines Erwachsenen, um Mitgefühl in der Situation zu bekommen. Mit dieser Antwort gibt man dem Kind zu verstehen, dass man seine Gefühle nicht ernst nimmt, dass hier doch gar nichts ist, wovor ‚es sich lohnt‘ sich zu fürchten.
In den letzten Jahren hat es sich gottlob rumgesprochen, dass man Kinderängste nicht abtun soll. Erics Eltern haben aufgrund dessen Verständnis dafür entwickelt, dass dahinter echte Gefühle stecken. Besonders als Eric begonnen hat immer wieder unter Angstzuständen zu leiden, haben Mama und Papa, ihren Nachwuchs bemitleidet, ähnlich wie wenn er Schmerzen hätte. Schlau wie er ist, hat Eric das recht schnell durchschaut und begonnen, seine Ängste, auch wenn sie tatsächlich echt sind, als Instrument einzusetzen, um die Eltern abends länger beim Bett zu halten oder um nicht in den Kindergarten gehen zu müssen oder etwas, das ihm gerade keinen Spaß macht, nicht tun zu müssen.
Kinderängste können sehr plötzliche auftreten. So schnell wie sie gekommen sind, gehen sie aber leider nicht wieder, sondern können über viele Wochen oder Monate die Familie belasten. Diskussionen, Argumente und Beschwichtigungen oder aber auch das entgegengebrachte Mitleid haben bei Eric, wie bei den meisten Kindern, nichts geholfen. Kein Wunder, dass sich Erics Eltern nach so langer Zeit hilflos fühlen und meinen, beim Kampf gegen die Monster zu versagen. Nach vielem Grübeln kommen sie zu dem Schluss, dass es wohl das Beste ist, all das, wovor sich Eric fürchtet, aus seinem Leben zu verbannen, denn dann kann es ihm ja keine Angst mehr machen. Somit wird gleich mal das Fernsehen komplett verboten. Eric darf vorerst nur noch Hörspiele und Bücher haben, die nach den Kriterien seiner Eltern harmlos sind. Auch jegliches Spielzeug, das böse oder gefährlich aussieht, kommt in einer Kiste in den Keller. Irgendwie fühlt sich das für Eric wie eine Bestrafung an, dabei hat er doch gar nichts falsch gemacht. Und all dieser Aufwand, nur um nach weiteren Wochen festzustellen, dass auch das Erics Ängste nicht vertrieben hat.
Im Gegenteil, denn diese Überbehütung, Eric mit nichts zu konfrontieren, wovor er sich fürchten könnte, vermittelt ihm das Gefühl, dass Angst etwas Böses ist, das seine Eltern mit aller Macht vermeiden wollen. So gut gemeint die heile Welt auch sein mag, sie vermittelt Eric, dass er ein komplett hilfloses Wesen ist, von dem man jede Gefahr fernhalten muss. Seine logische Reaktion darauf ist, dass er eine Angst vor der Angst entwickelt, denn auf die Idee, dass Eric seine Angst auch irgendwann bewältigen könnte, kommt er nicht.
Und dann passiert in Erics Familie etwas sehr Paradoxes: zum einen haben die Eltern sich nach Leibeskräften bemüht, ihn unter eine schützende Glasglocke zu stellen und ihm klar zu machen wie böse und gefährlich die Welt ist. Auf der anderen Seite fällt ihnen nun selbst auf, dass Eric vielleicht etwas vorsichtiger und weniger wagemutig als andere Kinder ist und sie beginnen, ihn aufzuziehen, nennen ihn Angsthase und erwarten, dass es zukünftig beherzter an neue Situationen herangeht.
Nachdem genau so wie in anderen Familien, auch bei Eric diese elterlichen Sticheleien nicht zum Erfolg führen, sind Mama und Papa nun an einem Punkt angelangt, an dem sie meinen, dass sie doch wirklich alles versucht hätten und dass es durchaus verständlich ist, wenn ihnen nun der Geduldsfaden reißt. Ab dem Moment sind sie der Meinung, dass sie eigentlich von Anfang an auf die Großeltern hätten hören sollen. Stimmt schon, sie haben Eric viel zu wenig streng erzogen, sind viel zu sehr auf seine Bedürfnisse eingegangen. Er ist einfach komplett verweichlicht, wahrscheinlich fürchtet er sich deshalb vor allem und jedem. Es wird also Zeit, dass er mal etwas Härte erfährt und sich selbst mit der Situation auseinandersetzt. Wenn er lange genug im dunklen Zimmer liegt, wird es schon sehen, dass keine Monster kommen um ihn zu fressen!



Tolle Idee 🙂